Sommersilber
© Patricia Koelle
In einem ungewöhnlich warmen Winter lernten wir uns kennen. Zuerst nahmen wir in den dunklen, kurzen Tagen kaum mehr voneinander wahr als unsere nassen Schuhabdrücke im Flur. Seine wirkten doppelt so groß wie meine und verschluckten sie gnadenlos.
Der Frühling schlich sich an und mit ihm das Erstaunen darüber, dass wir inzwischen zusammen arbeiteten als ginge das seit Jahren so, wortlos und eingespielt. Er schnitt morgens die Brötchen für die Heimbewohner auf, ich belegte sie mit Salami und Schweizer Käse. Er servierte den alten Leuten die Tabletts auf die Zimmer, ich machte solange ihre Betten. Er wechselte freundliche Worte mit ihnen, ich setzte das Gespräch nahtlos fort, wenn er schon aus der Tür war.
Als die Meisen im Nest vor dem Personalzimmerfenster flügge wurden, vermisste ich Laurin zum ersten Mal, als er frei hatte. Ein andermal sprach er mich an: „Wenn du keinen Dienst hast, macht mir die Arbeit weniger Freude als sonst.“
Ich mochte an ihm, dass er auch nach Feierabend nicht nach Hause eilte, sondern noch die kaputte Leselampe von Frau Ammeyer reparierte, damit sie nicht auf das tägliche Kapitel in ihrem Krimi verzichten musste. Dass er seinen großen, muffigen Hund mitbrachte, damit Herr Singer mit ihm spazieren gehen konnte. Herr Singer, dessen Worte einem Schlaganfall zum Opfer gefallen waren, war niemals glücklicher, als wenn er mit Merlin losziehen durfte. Laurin folgte ihm mit Abstand, damit nichts schief ging. Wir begannen, diese Spaziergänge in unsere Mittagspause zu legen, damit ich ihn begleiten konnte.
So brachen wir in den langen, feuchten Sommer auf: Herr Singer mit seinem glücklich verwunderten Lächeln und Merlin, weit dahinter Laurin und ich. Da wir stets nur eine Stunde hatten, umkreisten wir immer denselben See im Stadtpark, der doch jedes Mal neu aussah. Irgendwann hatten wir entdeckt, dass wir dieselben Bücher lasen. Wir diskutierten leidenschaftlich über Hermann Hesse und moderne amerikanische Literatur, während vor uns Merlin mit heraushängender Zunge Herrn Singer und sein glückliches Lächeln zwischen Kindergruppen und Bikinimädchen hindurchmanövrierte. Laurin hielt meine Hand fest mit seiner linken und gestikulierte so heftig und ausholend mit der rechten, als könne er ganze Länder und Jahrhunderte heraufbeschwören, die alle uns gehörten, für diese Stunde, diesen Mittag, diesen Krümel Leben.
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